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Kultur: Die vierte Dimension nachhaltiger Entwicklung

Eschborner Fachtage 2010. Teilnehmer. Foto: GTZ

Eschborner Fachtage 2010. Vielfalt: der Kulturfaktor

„Kultur ist ein sehr weicher Begriff mit manchmal sehr harten Auswirkungen.“ So stimmte ZDF-Moderator Steffen Seibert die rund 450 Gäste auf die diesjährigen Eschborner Fachtage unter dem Motto „Vielfalt: der Kulturfaktor“ ein. Die Leiterin des Bereichs Planung und Entwicklung der GTZ, Cornelia Richter, erläuterte in ihrer Begrüßungsrede die Wahl des Themas: „Kulturelle Vielfalt zieht sich wie ein roter Faden durch unseren Arbeitsalltag. Kultur ist für mich die vierte Dimension nachhaltiger Entwicklung“. Spätestens wenn es um die Verteilung von Wasser gehe, die Akzeptanz neuer Technologien oder bei Konflikten ein Ausgleich zwischen gegenläufigen Interessen und Weltsichten gefunden werden soll, kämen der Kulturfaktor und unterschiedliche Wertvorstellungen zum Tragen. Aufgrund der Dynamik der Globalisierung müssten viele Partnerländer den Spagat zwischen Anpassung und dem Erhalt ihrer Traditionen und Werte schaffen.

Kultursensibel und werteorientiert

BMZ-Staatssekretär Hans-Jürgen Beerfeltz plädierte in seiner anschließenden Eröffnungsrede für eine werteorientierte Entwicklungspolitik mit klarem Bekenntnis zu den Menschenrechten. Diese seien nicht verhandelbar. Dennoch solle aus der Zusammenarbeit keine einheitliche Weltkultur hervorgehen, denn nur der Erhalt von Traditionen mache resistent gegen Monokulturen.

In der folgenden Diskussion plädierte Jürgen Fitschen, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, für werteorientierten Pragmatismus: „Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass Menschen auch andere Gesellschaftssysteme als das unsere gut finden.“ Allerdings gebe es klare Grenzen, beispielsweise die Null-Toleranz-Politik seines Hauses gegenüber Korruption. Stefan Dreyer, Regionalleiter Südasien des Goethe-Instituts, erläuterte wie der Dialog im Iran möglich wird: kann „In unserem Institut in Teheran bieten wir einen geschützten Freiraum für offenen Austausch.“ Andreas Klaßen, Leiter des Referats Strategie und Planung der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik im Auswärtigen Amt, hob hervor, dass die Anzahl der Konflikte mit kulturellen Hintergründen in den 90er-Jahren stark zugenommen habe. „Daraufhin haben wir unsere Politik in Richtung Konfliktbearbeitung und Aufbau stabiler Zivilgesellschaften neu ausgerichtet.“ Um Veränderungsprozesse wirksam gestalten zu können, müsse man sich auch seiner eigenen Kultur und Werte bewusst sein, betonte GTZ-Geschäftsführer Bernd Eisenblätter. Er sei überzeugt, dass nachhaltige Entwicklung nur kultursensibel zu gestalten ist. „Unsere Erfahrung zeigt, dass wir mit unserer Arbeit die beste Wirkung erzielen, wenn wir Schritt für Schritt vorgehen und den Dialogfaden nicht abreißen lassen.“

Praxisnaher Austausch

In den acht unterschiedlichen Diskussionsforen tauschten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in den folgenden zwei Tagen darüber aus, welche Herausforderungen eine kultursensible Entwicklungszusammenarbeit mit sich bringt und wie Kultur und kulturelle Vielfalt zu einem Erfolgskriterium für gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Veränderungsprozesse werden können. Anhand konkreter Fallbeispiele, beispielweise bei der Einführung neuer Technologien zur Energiegewinnung, bei der Zusammenarbeit in regionalen Gemeinschaften oder im Umgang mit Rechtspluralismus, erarbeiteten sie Lösungsansätze für kommende Herausforderungen in den wichtigen Bereichen der internationalen Zusammenarbeit.

Kultur als Erfolgsfaktor für Entwicklung

Auf der Abschlussveranstaltung erläuterte Christoph Bertram, ehemaliger  Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, zunächst die Ergebnisse des Expertenforums, einem geschlossenen Kreis von Vertretern internationaler Institutionen und der Bundesregierung – in diesem Jahr zum Thema Migration. Es sei zwar wichtig, dieses Thema im Rahmen der Entwicklungspolitik anzugehen, aber genauso bedeutsam sei es zu erkennen, dass die Entwicklungspolitik die Herausforderungen allein nicht bewältigen kann. Die bisherigen Überlegungen seien angesichts der enormen Aufgabe unterdimensioniert und alle Politikbereiche, dazu die Wirtschaft und die Zivilgesellschaft seien gefragt.

In der Podiumsdiskussion stellte sich dann die Frage, wie kulturelle Vielfalt zu einem Erfolgsfaktor für Entwicklung werden und wie Migration dabei bereichernd wirken kann. Baige Zhao, chinesische Vizeministerin der nationalen Kommission für Bevölkerung, betonte, dass Bewegungsfreiheit zwar zu mehr Entfaltungsmöglichkeiten führe, allerdings auch eine neue soziale Ordnung nach sich ziehe. Wichtig sei, dass die Menschen ihre kulturelle Identität bewahrten. Auch Sundram Pushpanathan, stellvertretender ASEAN-Generalsekretär für Wirtschaft, unterstrich die Bedeutung des lokalen Wissens und lokaler Kultur. Jan Karlsson, ehemaliger schwedischer Minister für Entwicklungszusammenarbeit, knüpfte daran an: man müsse kulturelle Eigenheiten respektieren – Entwicklungshilfe als Intervention in eine andere Lebenswelt dürfe kulturelle Eigenheiten nicht beiseiteschieben. „Wenn wir nicht zu einer wahren gleichberechtigten Partnerschaft gelangen, verstehen wir nicht, was die Menschen brauchen.“

„Es ist wichtig, dass wir uns selbst als Lernende verstehen“ sagte GTZ-Geschäftsführer Christoph Beier und legte damit die Grundlage für die Abschlussworte seines Kollegen  Bernd Eisenblätter: Die Internationale Zusammenarbeit könne nur Wirkungen erzielen, wenn die beteiligten Partner Widersprüche annehmen und aushalten lernen und ihre eigenen Werte fest im Blick behalten.


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